Ein Leserbrief von Christa Weise aus dem Archiv: Alexandra setzt den historischen Text zu einer Mediendebatte von 2025 in Beziehung und teilt persönliche Gedanken.

Hallo liebe Leserinnen und Leser,
Ein Leserbrief von Christa Weise aus dem Archiv
um mit dem Oktober zeitgemäß in ein etwas häufigeres Posten einzusteigen, lasse ich mich hier verleiten, einen aktuellen Beitrag des Öffentlich-Rechtlichen Beitrag zu nuten um ein Fundstück aus dem Archiv meiner Mutter zu veröffentlichen.
Also etwas mehr Klarheit: der Fall Brosius-Gersdorf war zweimal Thema bei Markus Lanz. Hier kann der aktuellere vom 16.10.25 nachgeschaut werden -> https://www.zdf.de/talk/markus-lanz-114
Historischer Text und damalige Mediendebatte
Sie hat in der Gesprächsrunde eine Einschätzung geäußert, die sie wahrnahm und auch von ihrem Umfeld ähnlich gespiegelt wurde, nämlich, dass die CDU als Gesamtmasse den Ausschlag gab (sie wurde nicht als Richterin ans Bundesverfassungsgericht gewählt), obwohl vorher zugesichert war, dass die Personalien der jeweils anderen Partei gewählt werden!!! Es ist an sich eine interessante Debatte gewesen.
Die heutige CDU, wie ich sie wahrnehme, bringt den Wind der Militarisierung mit sich und nicht die Entfaltung der kulturellen Blüte – zumindest in der derzeitgen öffentlichen Medienlandschaft.
Hier hat sich offensichtlich seit Jahrzehnten und auch durch personelle Veränderungen von Kohl, Merkel zu Merz nicht viel verändert. Deshalb folgender Leserbrief, den ich im Zuge einer Räumaktion im Keller fand, aus dem Jahr 1987 an die Frankfurter Rundschau (meine Eltern scheinen die mal gelesen zu haben..?!?)
Persönliche Gedanken zum Fundstück
Meine Mutter hat damals schon in Leserbriefen gewettert gegen die Abwendung des Koalitionspartners FDP (damals noch mit Pünktchen 😉 von der SPD und Helmut Schmitt und der Machtergreifung von Helmut Kohl, der mit Hilfe der FDP eine Konservative Wende vollzogen hat. Und das recht erfolgreich…aber genug Vorinformation….
Bitteschön:
Christa Weise
an
Redaktion „Leserbriefe“
Merzig/Kassel, ein Leserbrief an die Frankfurter Rundschau am 15.8.1987
Strategie-Diskussion in der CDU/CSU,
u.a. „Geissler beschreibt die CDU als Volkspartei der Mitte“ (FR vom 6.8.87)
Dokumentation „Wahlanalyse“
„Ein Rezept ohne Kohl“, „Vor Geisslers Strategie gewarnt“ (FR. 10.8.87)
„Kohl sieht keinen Grund zum Streit“ (FR. 11.8.87)
„CDU/CSU sehen ihr Bündnis gefährdet“, „Das schwelende Unbehagen am fehlenden Profil“ (FR 13.8.87)
Christlicher Name und politisches Programm
Eine Partei, die sich in einer Demokratie inmitten des Christlichen Abendlandes „Christlich“ nennt, will und muss um so vieles christlicher sein als ihre Umgebung, dass diese Steigerung ein Unterscheidungsmerkmal von hinreichender Deutlichkeit ist gegenüber allen anderen, ebenfalls auf dem Boden christlich-abendländischer Kultur gewachsener und stehender Parteien: die CDU(CSU will und muss allein aufgrund ihrer Namensgebung und um dieser Unterscheidbarkeit willen einen christlichen, also religiösen, Fundamentalismus zum politischen Programm erheben. Damit jedoch steht sie im Widerspruch zum wichtigsten Produkt der Aufklärung, dem liberalen Rechtsstaat, der ja gerade auf der Trennung von Staat und Kirche, von Politik und Religion beruht.
Die Frage nach dem politischen Anspruch
Eine in einer Demokratie inmitten des christlichen Abendlandes sich „christlich“ nennenden Partei, die nicht versucht, vielleicht gar nicht einmal gewillt ist, diesen politisch-religiösen Fundamentalismus als signifikanten Unterschied zu anderen Parteien in praxi zu leben, instrumentalisiert den Begriff des Christlichen zum Mittel des Machterwerbs bzw. -erhaltes und betreibt damit Gotteslästerung; außerdem beleidigt sie unaufhörlich alle Menschen die dieser Partei nicht angehören oder nicht angehören wollen (Wahlfreiheit = Merkmal von Demokratien), aber selbstverständlich Christen sind, aktive oder inaktive.
Eine historische Forderung zur Parteiidentität
Die CDU/CSU muss sich also entscheiden zwischen Rechststaat – dann muss sie das „C“ in ihrem Namen streichen und eine gemäße parteipolitische Identifikation suchen – und Gottesstaat – dann muss sie erklären, warum 50 Millionen Tote des 2. Weltkrieges sie nicht zu bewegen vermochten, die Sozialdemokratie als Bruder in Christo anzunehmen, nach dem Kriege die Macht auch nur ansatzweise mit ihr zu teilen, so den Neubeginn gemeinsam gestaltend und sie muss das „C“ fundamental zu erfüllen trachten.
Die Inbesitznahme des Christentums, dieses Erbe eines allen Hiesigen gemeinsamen Kulturkreises, zugunsten parteipolitischer Verfüfung, ist emotionaler Imperialismus. Er löst Assoziationen aus in zwei Richtungen, nämlich, dass jeder Christ Mitglied/Wähler dieser Partei sein müsse (ein undemokratisches Ansinnen) bzw. dass jedes Nichtmiglied/Nichtwähler zwangsläufig ein Nicht-Christ, gleichsam ein Anti-Christ sei, ein kultureller Fremdlich (SPD = „Untergang Deutschlands, „5. Kolonne Moskaus“ uws.), ein Handlanger von zu „asiatischen“ Taten fähigen Feinden (eine unchristliche Ausgrenzung und Abschiebung).
Monopolisierung des eigenen Anspruchs bei gleichzeitiger Abwertung des anderen – jene Verhaltensmerkmale der CDU/CSU vom allem im Ungang mit dem politischen Gegner sind auch Wesensmerkmale der Patriarchalismus.
Gesellschaftspolitik und historische Kritik
Dieser Patriarchalismus kann nicht von Leuten überwunden werden, die ihn – werbetechnisch verhüllt – unverändert vertreten, ihn vielmehr verschärft haben seit der sogenannten konservativen Revolution, die bei uns „die Wende“ heißt:
Annullierung des demokratischen Kontext und der Kontinuität zu sozial-liberalen Vorgängerregierung (CDU/CSU: „13 Jahre sozialistische Mißwirtschaft“, „wie nach dem 2. Weltkrieg“ müsse die Union „das Land wieder aufbauen“ usw.);
noch mehr natur- und kulturzerstörender Materialismus und Egoismus („Leistung muss sich wieder lohnen“);
eine Totalisierung von Wirtschaft, die die Unabhängigkeit von Wissenschaft, Kultur und Politik zu verschlingen droht;
Gesellschaftspolitik als machtkalkulierende Reissbrettaufgabe (Wahlanalyse und -strategien des Herrn Geißler);
Ja zu Nachrüstung, SCI, unveränderter Kernspaltungs- und Plutoniumswirtschaft (alles unter Initiierung, Duldung bzw. Mitwirkung der FDP) – Herrschaftssicherung des Patriarchalismus, in dessen Nischen dann großzügig weil ungefährlich, nett und putzig die „Gleichberechtigung“ blüht…
Niemand jedoch, der die oder eine kommunistische Revolution ablehnt, braucht die konservative oder kapitalistische Revolution (also „Die Wende“) zu akzeptieren; sie ist ebenso einseitig und zerstört gewachsene, lebendige Strukturen, die sich nicht durch Aggression, Wille oder Strategie (dies ist das in Wirklichkeit weiblichkeitsfeindliche Klima des Zeitgeistes und der elementare Irrtum des Herrn Geißler), sondern nur evolutionär durch Wandlung verändern lassen, durch Reformen also, der klassischen Domäne der SPD.
Niemand braucht sich zu einer Parteinahme für/gegen Herrn Blüm oder gegen/für Herrn Strauß zwingen zu lassen (die vorliegenden Informationen über jene 14 Chilenen haben dem Innenminister zur Ablehnung, mehreren europäischen Ländern sowie der EG zur Zustimmung des Asylbegehrens ausgereicht, warum nicht Herr Kohl zur Wahrnehmung seiner Richtilienenkompetenz als Bundeskanzler? Eine wahlstrategisch motivierte Chilereise des Arbeitsministers hieße, die gute Sache der Menschenrechte zu instrumentalisieren – eine neue Art ihrer Verletzung) – diese Auseinandersetzung ist eine uninisierte Angelegenheit, und die Probleme der Union sind nicht die Probleme der Republik.
Demokratie und politische Verantwortung
Ein Freund der Demokratie kann es nicht zulassen, dass sich irgendeine Partei „Die Partei derMitte“ nennt, eine Regierung „die Regierung der Mitte“. Die Mitte ist ein Abstraktum, objektiver Schnittpunkt aller gesellschaftlichen Gegebenheiten und Interessen, subjektiv also parteipolitisch nicht verfügbar, keine Frage von Macht oder Zuordnung seitens der zu Wählenden.
Ihre Ursupation durch die Regierungsparteien und im besonderen durch die CDU ist offen undemokratisch. Ein derartiger Monopolanspruch auf „die Mitte“ drängt die anderen Parteien (und das zielt vor allem auf die SPD) optisch zur Seite, an den Rand macht Opposition zur Randerscheinung, bringt sie zur Außenseiterpostion.
Begriffe wie Volkspartei der „rechten“ oder „linken“ Mitte erübrigen sich, wenn es nur noch „die große Volkspartei der Mitte“ (Kohl) gibt. Demokratie spielt sich dann nicht mehr zwischen Parteien, sondern zwischen Einzelmeinungen innerhalb „der“ Volkspartei/Regierung „der Mitte“ ab.
Über die Peripherie hinausdrängen aber lassen sich die Randparteien noch der verbalen Methode des chilenischen Diktators Pinochet „Ich oder das Chaos“: Opposition kann dann als Angriff auf das Ganze, als potentiell extremistisch in der Vorstellungswelt der BürgerInnen erfahren werden.
Mit der psychologischen Spaltung des Volkes in die „anständigen“ und die „unanständigen Deutschen“ (Geißler), in die Anhänger „der“ Partei/Regierung „der Mitte“ und die eines schreckensvisionären „rot-grünen Chaos“ jenseits aller Ordnung und aller demokratischen Gleichberechtigung führten und führen die christlichen und zum Teil auch die freien DemokratInnen Wahlkampf.
Da drängt sich ein Verdacht auf: der Verdacht der Demokratie-Lüge…
Das Ende des Leserbriefs und ein weiteres Zitat
Leserbrief-Ende!!
<<Jetzt, wo die achtziger Jahre offizielle zu Ende gegangen sind, gibt es in den Medien großes Gesums darum, was es eigentlich damit aufsich hatte. Ein großes An-die-Brust-Schlagen und Schlechtmachen der Prozerei, der Gier, der Leichtgläubigkeit. Große Apelle an uns, die Vergangenheit hinter uns zu lassen, den Gürtel enger zu schnallen und der trostlosen Wirklichkeit unerschrocken ins Auge zu sehen.>>
Zitat aus “Künstlerpech” von Shane Maloney 🙂

